Mrz 03 2010
Madeira Mosaik: Ankunft an der Fenchelbucht
Rentnerparadies – na und? Ein Grund für Langeweile ist das noch lange nicht. Atemberaubende Bergpfade, romantische Gärten oder schroffe Steilküsten offenbaren Madeiras Reize. Müsste man Portugals Außenposten im Atlantik als Wein beschreiben, dann so: vielschichtig, komplex und farbintensiv. Eine Insel wechselt ihr Image.
Zugegeben, Madeira stand nicht auf der Liste meiner Traumziele. Ich bin eher durch Zufall hier gestrandet. Wie aber nähert man sich einer Insel, die als Rentnerparadies verschrien ist? Von der man so gut wie nichts weiß. Am besten mit einem Besuch der Madeira Wine Company. Genauer gesagt, in deren Showroom. The Old Blandy Wine Lodge residiert parallel zur Hafenpromenade in Funchal. Hinter dem eher unscheinbaren Eingangstor führen verwinkelte Gässchen über einen kleinen Innenhof zum hauseigenen Museum. Weiß getünchte Wände und dunkelbraune Holzbalken beherbergen Probierstube, Souvenir-Shop und Cafés. In 30 Minuten vermitteln freundliche Guides Wissenswertes zum Madeirawein. Wie es früher war, als sie den Wein in Ziegenhäuten transportierten. Wie der Karamellgeschmack in den Madeira kommt. Warum Madeira ganz anders (besser natürlich) ist als Portwein. Am Ende der Tour dürfen sich die Gäste selbst überzeugen. Je ein Glas halbsüßer Boal – drei und fünf Jahre gereift – sind inklusive im Eintrittspreis von fünf Euro. Ebenso der Hinweis, dass einem hemmungslosen Einkauf nichts im Wege steht. Die Flaschen warten später als Handgepäck hinter der Sicherheitskontrolle am Flughafen.
Dabei bin ich noch gar nicht richtig angekommen. Ich lass mich erst mal treiben durch Funchal. Sitze im Café und genieße die Sonne. Schlendere über den Mercado dos Lavradores. Die zweigeschossige Halle mit der umlaufenden Galerie ist ein Muss für Touristen. Nur gucken, nichts kaufen. Das hatte mir Jonathan eingeschärft, unser Hausmeister auf Zeit. Viele Gauner dort, sagt er. In einem Punkt hat er recht: Ziemlich voll ist es.
Mehr Menschen auf einem Fleck leben nirgends in Europa. Hey, hier ist immer Frühling. Wer kann, will dabei sein. Vor allem, wenn das Festland sich für eine neue Eiszeit wappnet wie in diesem Jahr. Da nimmt man gern in Kauf, wenn es mal etwas eng wird. Besonders in Funchal. Fast täglich legt am Hafen einer dieser Schiffsriesen an und schickt bis zu 7.000 Kreuzfahrer über die Insel. Pünktlich um fünf Uhr am Nachmittag mahnt die Schiffshupe zum kollektiven Rückzug. Bei flüchtigem Hinhören könnte das glatt als erleichtertes Seufzen der Fenchelbucht durchgehen.

Die Markthändler reiben sich um diese Zeit längst die Hände. Morgen kommen neue Sorglose, denen sie ihre Tomaten für 16 (!) Euro das Kilo andrehen … Nun ja, man muss nicht alle Geschichten glauben. Trotzdem – die Wirte in der zona velha besitzen eine zweite Lizenz: die zum Geld drucken. Man muss kein Mathematiker sein, um das weltweit gleiche Prinzip zu erkennen. Der Preis verändert sich umgekehrt proportional zur Entfernung von den Touristenknotenpunkten. Die Qualität steigt linear.
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